
Lilith wird häufig als Königin oder Mutter der Dämonen bezeichnet. Immer ist sie mit negativen Attributen verbunden, Personifizierung des Bösen, ähnlich wie Lucifer. Allerdings vermittelt sie auch ein wehrhaftes und starkes Frauenbild, unabhängig und frei.
In alten Schriften gibt es zahlreiche Darstellungen und Beschreibungen. Bekannt ist das Burney-Relief, auch Königin-der-Nacht Relief genannt, das Lilith abbilden soll. Es ist ein Terrakotta Relief aus dem südlichen Irak. Ein Mischwesen mit Flügeln und Fusskrallen, auf Löwen stehend und von Eulen begleitet. Sir Burney erwarb es 1924 und brachte es nach England. 2003 ging es in den Besitz des British Museum über.
Lilith, Medusa, Andromeda: alle sind Opfer männlicher Willkür. Medusa wird enthauptet, nachdem sie vergewaltigt wurde. Andromeda wird an einen Fels gekettet und soll geopfert werden. Lilith wird schmählich verraten und verlassen, weil sie Gleichberechtigung einfordert. Es finden sich sicher noch mehr weibliche mythologische Sagen und Geschichten, in denen Frauen schlecht abschneiden. Im Alltag spiegeln sich diese Geschichten, in versteckter oder offener Form nach wie vor wieder.
Die Masken der Niedertracht. Seelische Gewalt im Alltag und wie man sich dagegen wehren kann (2002). So lautet der Buchtitel der französischen Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen. Sie beschreibt darin die subtilen Prozesse, die sich zwischenmenschlich abspielen und wie schleichend die Seelen vieler Frauen und Kinder missbraucht und zerstört werden. Viele bemerken diesen Prozess nicht einmal. Es ist wie Zuckerbrot und Peitsche, setzt auf Verwirrung und Verunsicherung der Frauen und Kinder. Der zunehmende Narzissmus sowie Mobbing an Schulen und dem Arbeitsplatz, lässt dieses menschenverachtende Verhalten wie ein unsichtbarer Virus sein Unwesen treiben. Entschuldigt werden die Täter häufig damit, selbst Opfer gewesen zu sein und ihre Taten werden dadurch abgeschwächt und bagatellisiert.
Dieses Buch sollte jede Frau einmal gelesen haben, um frühzeitig die Mechanismen zu erkennen, wie seelischer Missbrauch abläuft. Tief sitzen kollektive Gewaltthemen, die auch die Emanzipation noch nicht aus dem Weg räumen konnte. Die Dunkelziffer von Gewalt in Familien ist sehr hoch. Es gibt zu wenig Frauenhäuser und Unterstützung in der Gesellschaft. Dennoch gibt es Hoffnung: mutige Frauen, die mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit gehen, wie die „MeToo“ Bewegung oder die Französin Gisèle Pelicot, die fordert: „Die Scham muss das Lager wechseln“.
Astrologisch betrachtet, erfährt Lilith zunehmendes Interesse. Lilith ist kein Planet und taucht in der Literatur sogar dreimal auf: einmal als reales Objekt (Asteroid Nr. 1181), dann als Staubwolke (Waldemath‘s Moon) und schließlich die gebräuchlichste Variante: Black Moon Lilith oder Schwarzer Mond. Es ist kein astronomisches Objekt, sondern ein errechneter Punkt. Dort, wo der Mond am weitesten von der Erde entfernt ist (Mondapogäum) befindet sich Lilith. Sie schaukelt sich förmlich innerhalb von 9 Jahren mit häufigen Rückläufigkeiten durch die Ekliptik, was ihrem unruhigen und unberechenbaren Charakter entspricht.
Biblisch interpretiert, ist sie die erste Frau von Adam. Sie fordert Gleichberechtigung ein, indem sie im Sexualakt auch auf Adam sitzen und nicht nur unter ihm liegen will (Machtfrage). Da Adam ihr das verweigert, verflucht Lilith ihn, flieht ins Rote Meer, verbindet sich mit den Dämonen und zeugt täglich viele Kinder, die sie aber teilweise wieder tötet. Darin spiegelt sich das wesentliche Thema von Lilith: sie will selbst entscheiden, wie viele Kinder sie mit wem zeugen will. Sie entscheidet also über die genetische Linie, auch über Leben und Tod. Lilith ist DAS Urthema der Partnerschaft und Fortpflanzung. Ihr eigenwilliges Verhalten bleibt nicht ohne Auswirkung. Adam nimmt sich eine neue fügsame Frau (Eva), die er nach seinen Vorstellungen lenken kann. Lilith‘s Schattenseiten sind entsprechend. Ihr werden die Themen Rache und Manipulation zugeschrieben, alle, auch pervertierte Formen der Sexualität, Prostitution, sexuelle Gewalt, Pornographie und Missbrauch.
Lilith ist der dunkelste Punkt in unserer Psyche. Diese Kräfte müssen kanalisiert werden, damit zerstörerische Energien verwandelt werden können. Transformative Methoden, wie künstlerische Auseinandersetzung oder auch Sport, sind Möglichkeiten, diese Kräfte zu lenken. Es braucht emotionale Ventile, um diese eruptiven Kräfte positiv umzulenken, da sie sich sonst andere Kanäle suchen. Mythologische Analogien dafür sind Kali, schöpferisch und zerstörerisch zugleich, Medea, die ihre eigenen Kinder aus Rache tötet, oder Percht, die in der letzten Rauhnacht übers Land fegt und entscheidet, welche Kinder sie auf die andere Seite mitnimmt. Lilith ist die Urweiblichkeit in reinster Form, Herrscherin über Leben und Tod. Sie fordert ihren Platz immer mehr ein, in einer patriarchalen Welt, die das Leben regelt und Lilith entmachten will. Lilith‘s Kraft ist ungebrochen, sie taucht auf aus den Tiefen des Roten Meeres und fordert ihren rechtmäßigen Platz im Kreislauf des Lebens ein. Erst wenn Mann und Frau gleichberechtigt, Hand in Hand gehen, Lilith geehrt und anerkannt wird, ist der natürliche Zustand unserer polaren Erde wieder hergestellt. Überall, wo Frauen unterdrückt, missbraucht und entwürdigt werden, taucht Lilith machtvoll auf, um ihr natürliches Recht einzufordern.
Wenn im Horoskop Lilith prominent steht, sind ihre Themen im Fokus und es führt kein Weg daran vorbei. Alle Arten von Frauenleiden sind mit Lilith verbunden. Es braucht dann Heilarbeit wie z.B. den 13. Munay-Ki Ritus, den Marcella Lobos entwickelt hat. Ein Ritus, der kollektiv auf tiefer Zellebene wirkt. Auch Kundalini Yoga arbeitet mit der Schlangenkraft, die urweiblich ist und transformierend wirkt. Sanfte Heilmethoden, die Arbeit mit Wasser, Kräutern und Träumen wirken auf unser Unbewusstes. Es braucht nach wie vor dieses Wirken, in dieser herausfordernden Zeit. Lilith ist todesmutig und scheut keine Konfrontation. Sie weiß um ihre Urkraft, ihre Regenerationskraft und ihr unerschütterliches Wissen um den ewigen Zyklus von Leben und Tod.
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